143. Schwarze Häuser – Ein Film über Verschickungskinder von Katrin Sikora
Shownotes
In dieser Folge sprechen Susanne und Ute mit Katrin Sikora, Autorin und Regisseurin, die mit ihrem interdisziplinären Hintergrund gesellschaftliche Themen filmisch erforscht. Seit 2017 arbeitet sie selbstständig, lebt in Berlin und ist Mutter einer vierjährigen Tochter. Mit ihrem ersten abendfüllenden Dokumentarfilm „Schwarze Häuser“ widmet sie sich den Geschichten sogenannter Verschickungskinder. Der Zontaclub Leer-Ostfriesland durfte Kooperationspartner dieses Films beim Emder Filmfest sein
Verschickungskinder sind Kinder, die in den 50 er Jahren bis hinein in die 90er Jahre für mehrere Wochen in Kuraufenthalte geschickt wurden – im Vertrauen darauf, dass es ihnen dort gutgehen würde. Heute brechen viele damalige Verschickungskinder ihr Schweigen und berichten von Essenszwang, Zensur und emotionalem Druck. Initiiert durch ein Gespräch mit der eigenen Mutter kommen in Katrins Film viele Betroffene zu Wort und reflektieren das damals Erlebte. Den berührenden Film gibt es diesen Sommer in ausgewählten Kinos. Einen Vorgeschmack und auch eine Perspektive, was das Thema mit uns heute zu tun hat, bekommt ihr hier bei uns!
Transkript anzeigen
00:00:13: Herzlich willkommen zum Zonter Podcast.
00:00:16: Ich bin Susanne
00:00:17: und ich bin Ute, unser Podcast dreht sich immer um Themen rund um Frauen und Mädchen und ist auf allen gängigen Plattformen alle vierzehn Tage zu hören.
00:00:28: Ja und heute haben wir Katrin Sikora zu Gast.
00:00:31: Herzlich Willkommen Katrin!
00:00:33: Hallo, danke für die Einladung.
00:00:36: Katrin, wir haben uns kennengelernt vor zwei drei Wochen beim Filmfest in Emden Und wir durften Kooperationspartner sein für deinen wunderbaren Film.
00:00:48: Wunderbar, naja also traurig auch und berührend.
00:00:52: Wonderbaren Film Schwarze Häuser.
00:00:55: da geht es um Verschickungskinder.
00:00:58: was das genau ist erklären wir gleich im Verlauf.
00:01:01: und ja du bist Regisseurin, Autorin, machst Dokumentarfilme.
00:01:10: Aber vielleicht stellst du dich einfach erst mal vor?
00:01:12: Herzlich willkommen Kathrin!
00:01:15: Ja also hi, schön heute hier zu sein.
00:01:19: Genau ich bin Katrin Sikora und ich lebe in Berlin und arbeite wie du schon gesagt hast als Regisseurerin vornehmlich für dokumentarische Formate.
00:01:28: Und Schwarze Häuser ist mein erster langen Film, also mein erste Abendfüllender Dokumentarfilm.
00:01:34: Ja, der ist anderthalb Stundenlang ungefähr und kommt jetzt auch in die Kinos.
00:01:40: Und wir haben es gerade schon gesagt er handelt von Verschickungskindern.
00:01:46: in unserem Abend war sogar ein Betroffener oder ein Zeitzeuge der in dem Film sehr zu Wort kommt.
00:01:56: Der läuft Lichtrauter dabei.
00:01:59: Ich fand es auch insgesamt beeindruckend, wie viele aus dem Publikum gesagt haben Mensch ich war auch ein Verschickungskind.
00:02:06: Erzähl doch erst mal was sind eigentlich Verschikkungskinder und wie bist du auf dieses Thema gestoßen?
00:02:13: Ja vielleicht kurz vorne weg.
00:02:14: also Du hast das ja gerade schon gesagt der Film kommt jetzt in die Kinos Und ich glaube für uns ist es aktuell einfach ganz besonders.
00:02:22: was der Film für eine Reise nimmt weil wir wirklich sehr kleine Produktionen sind Ist ja nun mal auch eines, wo man sagt das ist jetzt nicht gerade ein Publikums Magnet.
00:02:33: Also man muss schon den Mut und die Muße haben sich in diesen Film zu setzen.
00:02:37: ich glaube schon dass er auch auf eine gewisse Art und Weise mitreißt und berührt aber es ist eben keine seichste Unterhaltung und ich bin total dankbar für jede Zuschauerin und jeden Zuschauer Der kommt und sich den Film anschaut, sich mit dem Thema auseinandersetzt.
00:02:55: Für uns ist es einfach ein Riesenerfolg, dass wir jetzt im Juli schon in den Kinos starten dürfen.
00:03:00: Und genau also diese Reise für mich hat begonnen mit meiner Mutter.
00:03:06: Meine Mutter hat mir Ende des Jahrhunderts von einem Erlebnis in einer Kinderkohe erzählt.
00:03:12: Sie hatte damals noch nicht mal Kinderko genannt.
00:03:14: Sie hat gesagt sie war dann in so eine Art Ferienheim.
00:03:17: Und entsprechend war mir zuerst auch überhaupt gar nicht bewusst Davon einem Erlebnis erzählt, dass ganz viele andere frühere Kinder oder frühe Verschickungskinder mit ihr teilen.
00:03:28: Ich bin davon ausgegangen, dass das ein Einzelfall ist, dass sie an einem Ort war wo aus irgendwelchen Gründen Dinge sehr schief gelaufen sind, wo sie als kleine Kinder sie und ihre Bruder einfach Gewalt erlebt haben vermeintlich pädagogische Maßnahmen die eher eine Art von Militärischem Drillglichen.
00:03:50: Es ging viel um Essenszwagen und um Sanktionierungen, jeder Art.
00:03:56: Es dürfte abends und nachts nicht auf die Toilette gegangen werden.
00:03:58: Sie wurden mit einem großen Pantoffel verprügelt.
00:04:01: zur Strafe mussten die Kinder stundenlang im Flur stehen Und meine Mutter ist eigentlich niemand der... Also mein Mutter kommt aus dem Ruhrgebiet und ich habe die Vermutung Und auch aus Gesprächen mit Detlef Lichtrauter, der ja selber auch aus dem Rohrgebiet kommt.
00:04:18: Da hab ich das ein bisschen bestätigt bekommen, dass das schon auch ein Naturell ist und er kennt.
00:04:23: Sie ist eher jemand, die hält so durch.
00:04:25: Sie spricht wenig über Schmerzen oder negative Gefühle in ihrer Kindheit und solche Dinge.
00:04:32: Ich glaub deswegen ist mir dieses Gespräch seiner Erinnerung geblieben.
00:04:36: Und ich bin in einer ganz anderen Welt aufgewachsen als sie natürlich unbedingt verstehen, was das vielleicht mit ihr gemacht hat und ob das Konsequenzen hatte für ihr Leben.
00:04:47: Und deswegen habe ich versucht rauszufinden an, was für einem Ort sie da war und wie lange weil ich ganz wenige Informationen nur hatte.
00:04:54: Über die Recherche bin ich dann auf jemandem gestoßen der zu dem Zeitpunkt angefangen hatte gerade im Forschungsbereich zum Thema Verschickungskinder zu arbeiten Hans Walter Schmull, der dazu auch später publiziert hat Und der hat mir eigentlich diesen Begriff sozusagen zugesteckt, also in einer E-Mail, in der wir schon verschiedene Dinge austerriert hatten was es sein könnte.
00:05:15: In welchem Heim sie gewesen sein könnte?
00:05:17: Hat er irgendwann gesagt naja vielleicht war sie ein Verschickungskind und dieser Begriff hat eine Tür oder ein riesiges Tor geöffnet.
00:05:29: Weil gerade zu dem Zeitpunkt, als ich kurz vorher hatte sich die Initiative der Betroffenen gerade erst gegründet.
00:05:35: Also über viele, viele Jahre wurde gar nicht darüber gesprochen und Anja Röhl hat zu diesem Zeitpunkt eben meine Website ins Leben gerufen und ich konnte dann sozusagen weil ich über den Begriff diese Website gefunden habe live verfolgen wie sie sich wirklich so im Tagesrhythmus da die betroffenen Berichte gesammelt haben.
00:05:51: war ein sinniger Moment, weil ich konnte gar nicht fassen was ich da lese.
00:05:55: Weil alle diese Kinder und wir reden inzwischen von über fünf tausend Berichten haben aus sozusagen Eigeninitiative so viele Jahre später das Bedürfnis gehabt sich dazu zu äußern und haben alles so ähnliche Sachen geschildert.
00:06:09: also Kinder die auf den nordischen Inseln waren genauso wie Kinder dem bayerischen Wald waren Und alle hatten sozusagen diese riesige Schnittmengen und dann gab es natürlich Ausbrecher.
00:06:18: wo noch sehr viel schlimmere Dinge passiert sind Straftaten Und ich, also in dem Moment ist mir bewusst geworden dass das eben ein kollektives Thema ist und das es vor allem ein Thema ist über dass man einen Film machen sollte.
00:06:34: Lass uns das vielleicht zeitlich noch mal so ein bisschen einordnen.
00:06:37: du hast gerade gesagt Es ist ein großes Thema Also sind auf gar keinen Fall Einzelfälle.
00:06:44: Ich kenne das auch von meinen Eltern.
00:06:47: können wir gleich auch nochmal drüber sprechen?
00:06:50: Wann waren diese Verschickungen ungefähr?
00:06:53: Und vielleicht kannst du auch noch mal sagen, wie viele Heime oder Orte es überhaupt gab.
00:06:59: Wir sind ja hier an der Nordseeküste und tatsächlich hier wo ja auch das Filmfest stattgefunden hat.
00:07:05: Hier gab es Borkum, hier gab es Norderney.
00:07:10: Überall dort waren Verschikungsheime.
00:07:13: aber du kannst sich jetzt nochmal genauer einordnen.
00:07:17: Also es ist relativ schwierig das mit ganz konkreten Zahlen zu beantworten, weil die Forschung darauf angewiesen ist.
00:07:28: Dass es sozusagen noch irgendwo schriftliche Materialien gibt, dass irgendwas festgehalten ist und viele Archive wurden einfach inzwischen gelöscht oder es gibt diese Heimen nicht mehr und es ist dann ganz schwierig eigentlich so wirklich konkrete Zahlen festzumachen.
00:07:43: Was man aber weiß oder was man sagt, heute ist diese Verschickung haben ungefähr begonnen.
00:07:48: Um neunzehntfünfzig also mit Ende des Zweiten Weltkrieges sozusagen begann ganz ganz sachte und langsam dieser Kurindustrie wieder an Fahrt aufzunehmen.
00:08:02: Genau also man sagt dass die Die Verschickungen, ihre Hochzeit hatten zwischen... ...Ninzehntfünfzig und neunzehntefünfundsechzig ungefähr.
00:08:12: Das Ganze ging aber noch bis weit in die neunziger Jahre hinein.
00:08:15: Es gibt sogar inzwischen einzelne Fälle wo man weiß das es in den zweitausendern noch Kinderkohlverschickung gab.
00:08:22: Und genau zur Zahl der Heime auch das ist ein bisschen eine Waagezahl.
00:08:26: was man sagen kann ist dass es rund Zwischen zwölf und dreizehn Millionen Kinder gab, die verschickt wurden.
00:08:40: Es ist natürlich so nicht alle dieser Kinder haben traumatisierende Erfahrungen gemacht.
00:08:46: aber was ich in meiner sozusagen jetzt rein persönlichen Beobachtung und ganz individuellen Recherche festgestellt habe das eben sehr viele Kinder einfach Selbst wenn sie auch positive Erfahrungen gemacht haben, trotzdem eben auch von dieser sehr restriktiven Pädagogik berichten.
00:09:04: Und es gibt Kinder die das Ganze nachhaltig geschädigt hat und es gibt resilientere Kinder, die daraus ohne Schäden hervorgegangen sind.
00:09:15: Vielleicht müssen wir auch nochmal einordnen – die Kinder waren ja zum Teil wirklich richtig jung!
00:09:21: Siebenjährige, achtjährige gewesen sicherlich auch Jugendliche die dann aber zwischen vier und sechs Wochen von zu Hause weg waren.
00:09:30: Und allein das du hast gerade gesagt du hast eine zwei-jährige Tochter wenn man sich das so vorstellt dass man Kind irgendwie vier sechs Wochen in einer völlig fremde Umgebung gibt und ihr habt in eurem Film auch eine Mutter.
00:09:47: So habe ich es in der Änderung sehr, sehr überrascht das jetzt so im Nachhinein zu hören.
00:09:52: Und ich kann mir gut diese Perspektive der Eltern vorstellen die sagen auch Jetzt tue ich meinem Kind mal was Gutes und schicke es in die Sommerfrische und Es ging ja vielfach auch darum dass die Kinder zunehmen sollten.
00:10:04: deswegen wurde auch wurden Die kinder auch viel gewogen dort.
00:10:08: uns würde sie auf das Essen geachtet.
00:10:10: also wenn wir nochmal so die Perspektiven der Eltern einnehmen die ja am Grunde zensierte Post bekommen haben und eigentlich wirklich so die Perspektive hatten.
00:10:21: Auch jetzt gönn ich meinem Kind mal was oder was habt ihr da so erlebt?
00:10:26: Ja, also im Film genau kommt auch meine Oma zu Wort.
00:10:30: Ah ja deine Oma war das.
00:10:32: Genau!
00:10:33: Das war das allererste Interview, was ich überhaupt geführt habe.
00:10:36: schon sagen zu Beginn zwanzig-zwanzig nachdem ich angefangen hab zu recherchieren, habe ich direkt mit ihr gesprochen.
00:10:43: sie ist leider inzwischen verstorben Und für sie war das natürlich, zu dem Zeitpunkt, sie war da neunzig Jahre alt.
00:10:54: Total schwer noch greifbar was damals vorgefallen ist aber Sie hat sich schon sehr wohl daran erinnert dass die Kinder es dort eben nicht gut fanden und sie hat sich dann doch sehr viel damit auch beschäftigt und sich selbst auch hinterfragt wie das denn dazu kommen konnte.
00:11:09: eigentlich Grundsätzlich.
00:11:13: Das war natürlich, und das ist leider bei vielen der Betroffenen so mit denen ich gesprochen habe auch eine Zeit in der viele Eltern noch auch in einer ganz anderen Haltung vielleicht in eine Erziehung reingegangen sind.
00:11:26: Und da haben einfach gerade auch in der Nachkriegszeit viele Faktoren ein Roller gespielt.
00:11:32: Und leider berichten sehr, sehr viele der Kinder, dass sie im Nachgang den Eltern schon erzählt haben was dort vorgefallen ist – mit ihren eigenen Worten natürlich!
00:11:42: Weil die Kinder oder die meisten der Kinder natürlich noch dieses Unrechtsbewusstsein gar nicht hatten und sich nur auf ihre eigene Empfindung verlassen konnten, dass dort was nicht gestimmt hat.
00:11:50: Und dann haben die Eltern sehr unterschiedlich reagiert.
00:11:52: aber viele haben auch gesagt naja wird schon nicht so schlimm gewesen sein leider.
00:11:56: Und tatsächlich und ich glaube das ist vielleicht einfach etwas wo es vermutlich eine Schnittmenge gibt die das ganze Erlebnene begleitet, die wirklich traumatisiert wurden dadurch.
00:12:08: Die berichten natürlich auch häufig dass die Eltern eben in kein Raum gegeben haben um darüber zu berichten und die es auch als die Kinder dann als erwachsener noch mal zu ihnen... Als die Kinder da als erwachsender nochmal zu ihnen gekommen sind weiterhin auch verleugnet haben.
00:12:24: Da würde ich ganz gerne nochmal einhaken.
00:12:26: Ich glaube tatsächlich auch dass man nicht vergessen darf dass das selber eine traumatisierte Gesellschaft war direkt nach dem Krieg also.
00:12:35: Ich glaube, das kam auch in dem Film.
00:12:37: Dass sie selber oder Mütter sich ein bisschen Freiraum gesucht haben und es jetzt eigentlich ganz schön fanden dass die Kinder jetzt mal ja genau irgendwie... Das war ja keine Kinderverschickung sondern die wurden ja in eine Ferienfreizeit sozusagen geschickt und womit Sie sich selbst vielleicht auch ein bisschen Luft verschafft haben was ich ganz spannend fand.
00:13:01: tatsächlich Und das kannst du vielleicht auch noch mal für
00:13:05: die Hörer
00:13:06: und Hörerin erklären.
00:13:08: Es bestand ja auch so ein bisschen, es wurde ja nicht hinterfragt.
00:13:12: Es waren ja Ärzte oder ich weiß gar nicht wer hat die Kinder überhaupt dahingeschickt?
00:13:19: Also wie haben die Eltern eigentlich sogar nichts gesagt oder hinterfragt?
00:13:24: also erst einmal ganz kurz zu dem Thema dass eben die Eltern Teil einer traumatisierten Gesellschaft waren.
00:13:32: Ich glaube, das ist ein ganz wichtiger Faktor.
00:13:34: Wir haben ganz lange nach dem richtigen Begriff gesucht dafür wie sozusagen diese Elterngeneration auf ihre Kinder zugegangen ist und was dann aber auch die Kinder selber, die ja inzwischen selbst Eltern oder sogar Großeltern sind vielleicht weitergegeben haben.
00:13:48: Und ich finde eigentlich den begriff Orientierungslosigkeit fast am besten weil es sind eben nicht alle traumatisiert Aber alle haben eine wahnsinnige Verunsicherung in sich getragen.
00:13:59: Und dass eben auch die Eltern und diese Verunsicherung, die hat natürlich so etwas begünstigt wie das in dieser Ärzteschaft, die diese Kurren verschrieben haben, galt es als was Positives?
00:14:10: Man hat gesagt okay jetzt eine Kur für das Kind ist wichtig und es wurde einfach auf vielen Ebenen gar nicht hinterfragt.
00:14:15: Für die Eltern war das Grund genug zu sagen ja das ist was Gutes!
00:14:20: Also wenn ich einer von meinen Betroffenen zitieren darf sie hat gesagt der Arzt, der war ein Halbgott Paraphrasiert.
00:14:29: Und was er gesagt hat, das war Gesetz und deswegen sind viele der Eltern und vor allem der Mütter davon ausgegangen dass den Kindern da etwas Gutes angedeutet und aus dem Grund haben sie auch natürlich sehr gerne ihre Kinder verschickt.
00:14:44: also nicht nur um sich sozusagen selbst ein bisschen Freiraum zu verschaffen weil es sicher auch ein Faktor war sondern vor allem auch weil sie der Meinung waren okay wir haben es gibt wenig Möglichkeiten Urlaub zu machen auch und das ist eine Möglichkeit für dieses Kind rauszukommen.
00:14:57: Ja.
00:14:59: Und du hattest, glaube ich noch eine Frage?
00:15:00: Die habe ich jetzt noch nicht beantwortet.
00:15:03: Doch, hatteste du eigentlich
00:15:04: schon, seitdem du das
00:15:05: gesagt hast, dass Ärzte damals noch so ein bisschen die Halbgötter waren?
00:15:09: es wurden mich in Frage gestellt.
00:15:10: Ich glaube, das ist auch nochmal was heute ganz anders ist wo man sich besser vielleicht auch oder mehr Informationen erhalten kann.
00:15:18: und damals war's einfach so wenn der Arzt das gesagt hat dann war das auch gesetzt.
00:15:25: Du hast am Anfang schon mal erzählt, dass dieses Thema jetzt in den letzten Jahren hochgekommen ist und das ist ja wirklich spannend.
00:15:32: Wir sind fünfzig Jahre später und jetzt spricht man auf einmal über dieses Thema und ich erinnere mich selber auch meine Mutter ist leider schon verstorben aber sie hat
00:15:43: auch
00:15:43: über diese Verschickungen gesprochen Und ich habe dann nachdem die Themen hochgekommen sind, meine Tante gefragt.
00:15:51: Die hat alles eins zu eins bestätigt aber mit meiner Mutter hatte ich nicht die Gelegenheit darüber zu sprechen und das wurde so ein bisschen verklausuliert.
00:16:01: Ich finde es interessant und das zeigt ja auch schon etwas dass jetzt nach fünfzig Jahren oder wie lange der Zeitraum ist doch noch dieses Bedürfnis über etwas so lange zurückliegendes doch nochmal zu sprechen, also dieser Begriff Traumatisierung.
00:16:18: Vielleicht kannst du den in dem Zusammenhang noch mal ein bisschen einordnen?
00:16:22: Also total!
00:16:24: Ich glaube diese Frage danach, warum wird jetzt darüber gesprochen?
00:16:27: die hat mich auch wahnsinnig lange beschäftigt Weil es ist nicht so, dass in der Zwischenzeit nie thematisiert worden wäre.
00:16:34: Sabine Ludwig, die auch Teil des Films ist und ein Kinderroman über das Thema geschrieben hat, die hat schon Ende der Siebzigerjahre zum ersten Mal was veröffentlicht zu dem Thema.
00:16:45: Und es gab einfach kaum Rückmeldungen!
00:16:49: Die Frage, die sich stellt, ist ja, was ist der Grund oder was ist die Ursache dieser Dynamik?
00:16:53: Dass über so viele Jahre Menschen das sozusagen für sich Deckeln und dann so viel später das aber noch mal hochkommt.
00:17:00: Ja, ich glaube genau... Ich glaube dass eine ist Das Erlebnisse in der Kindheit die Traumatische oder der traumatische erlebnis in der kind hat die solche bunten hinterlassen Die vernarben auch irgendwie Und ich glaube dass es einfach eine gewisse zeit dauert bis man sich dem wieder beschäftigen kann.
00:17:24: ich glaube das die tatsache viele der Betroffene selbst dann Großeltern geworden sind und ihre Enkelkinder vor sich gesehen haben auch gewisse Erinnerungen wieder hochgeholt hat.
00:17:37: Und ein Faktor ist sicher, dass die Betroffenen, die jetzt im Rentenalter sind, sich mit der Frage auseinandersetzen, wo möchte ich eigentlich mein Alter verbringen?
00:17:50: Dann stellt sich eben auch die Frage, möchte ich in einen Seniorenheim oder möchte das lieber nicht?
00:17:56: Und in dem Moment kommen gewisse Gefühle wieder hoch und fragt sich eben, warum kommen sie jetzt hoch?
00:18:03: Also ich glaube diese Angst ist echt nicht zu vernachlässigen.
00:18:07: Die Angst davor, wieder an so einen Ort zu müssen.
00:18:10: Zumal man ja weiß... Das ist durch die Berichterstattung das auch im Seniorenheim aufgrund von Zeitdruck- und Personalmangel einfach sehr viele Dinge schief laufen.
00:18:18: Das sind Faktoren und ich glaube ein weiterer Faktor dass wir einfach generell in der Traumaforschung und in der Psychotherapie an einem ganz anderen Punkt sind.
00:18:30: In den letzten Jahren oder in den letzten Jahrzehnten hat sich das ganze Jahr irgendwie einfach so stark verändert, selbst als ich noch Kind war, war Therapie was ... Das hat man nicht gemacht!
00:18:43: Und ich hab Freundinnen die Psychotherapeutin sind, die mir immer wieder erzählen, dass sie ganz lange mit Menschen arbeiten bis sie an dem Punkt kommen, dass diese Menschen erwähnen, dass sie eine Verschreckung als Kind erlebt haben.
00:18:56: Und dann setzt man noch mal völlig neu an.
00:18:59: Vielleicht ist auch die Gesellschaft inzwischen einfach an einem anderen Punkt.
00:19:03: so das dieses Thema... Du hattest gerade ja schon gesagt Ende der Siebzigerjahre wurde das auch schonmal angetickt aber hat keine Resonanz vielleicht gefunden?
00:19:13: Ja was ja spannend ist da dran nur noch ein Einschnitt.
00:19:18: dass man ja meinen könnte, dass die Gesellschaft auch schon in den Siebzigerjahren an einem anderen Punkt gewesen wäre.
00:19:22: Ich glaube es ist ein gesellschaftlicher Faktor aber auch sehr individueller und persönlicher weil die Gesellschaft war schon sehr viel weiter.
00:19:29: In den Siebtiger- und Achtziger-Jahren war auch die Pädagogik schon sehr, sehr vielweiter Aber in diesen Häusern und in diesen abgeschlossenen Systemen da wehte einfach sehr lange noch ein anderer Winter hat sich dieses
00:19:42: System
00:19:43: der Gewalt aufrechterhalten bis weit in die neunzeigere Jahre hinein
00:19:48: Wenn wir noch mal auf die Zukunft gucken.
00:19:51: Es gibt ja an vielen Orten jetzt auch Initiativen, vielleicht Mahnmalen, Gedenkmale zu machen.
00:20:02: Vielleicht kannst du darüber nochmal so ein bisschen was berichten denn die Vergangenheit ist ja klar kann man nicht ungeschehen machen.
00:20:08: Es ist gut, es tut gut drüber zu reden.
00:20:11: Das haben wir auch in der Podiumsdiskussion gemerkt.
00:20:13: Da haben Menschen sehr berührt von ihren Erlebnissen berichtet.
00:20:19: Was passiert da so nach deiner Erfahrung?
00:20:24: Also erst mal durch diese Initiative, durch die Arbeit von Anja Rühl und natürlich auch von der Pflichtrauter in Nordrhein-Westfalen und vielen anderen, Eigeninitiativ, unentgeltlich und ehrenamtlich tätig sind passiert natürlich ganz viel.
00:20:41: Es bewegt sich ganz viel.
00:20:42: es gibt Berichterstattung es gibt Gesprächsangebote für die Betroffenen es gibt im Mahnmale Erinnerungsstählen um diese Geschehene ins Bewusstsein der Gesellschaft zu rücken.
00:20:53: das finde ich super wichtig Und ich glaube dass das für die betroffenen schon ganz viel bedeutet weil Anerkennung ist einfach etwas wo ich gemerkt habe.
00:21:02: Das ist so wichtig für diese Menschen insbesondere weil ihnen über so viele Jahre nicht zugehört wurde und sie, also so wenig zugehörte wurde dass die einfach verstummt sind.
00:21:14: Für mich war aber immer auch wichtig bei diesem Film das es mir nicht nur darum ging etwas aufzuarbeiten was in der Vergangenheit liegt sondern mich zu fragen was ist eigentlich der strukturelle Faktor davon der auch bis heute noch eine Rolle spielt?
00:21:29: Also Mein Wunsch wäre ja, dass dieser Film Anlass ist darüber zu diskutieren.
00:21:34: Was heute in der institutionellen Betreuung von Kindern noch schief lauft.
00:21:38: und auch wenn wir sagen können es schon sehr viel besser oder vieles ist viel viel besser geworden Schauen wir uns an was damals passiert ist und wo wir auf keinen Fall wieder hin wollen Und ich finde persönlich das hoch problematisch dass gerade in den sozialen berufen Gelder immer weiter gekürzt werden Wahnsinnig viel von den Personen, insbesondere von Frauen die in der institutionellen Betreuung von Kindern oder auch Seniorinnen und von den Schwachen in der Gesellschaft im Einsatz sind.
00:22:08: Dass diese Berufsfelder einfach gar nicht anerkannt sind, dass sie wahnsinnig schlecht bezahlt sind und das man trotzdem so hohe Erwartungen an diesen Menschen hat.
00:22:18: Und mir fehlt das Bewusstsein dafür dass gerade da eigentlich der Hebel ist, um eine Gesellschaft auch zu einer besseren zu machen.
00:22:26: Weil klar können wir jetzt sagen ja das liegt alles in der Vergangenheit und diese Menschen die sind jenseits der Fünfzig, Sechzig, Siebzig gucken wir nach vorne aber gerade diese Menschen, die machen ein Großteil unserer Gesellschaft aus.
00:22:39: und wenn man sich einmal bewusst macht was es bedeutet wenn so viele Menschen die in ihrer Kindheit derart verunsichert wurden vielleicht traumatisiert Unsere Gesellschaft gerade mit gestalten, mit bestimmen natürlich auch.
00:22:52: Also wenn man sich überlegt wie viele Millionen Kinder das erlebt haben ist ja völlig klar dass auch in Institutionen unseres Staates Menschen sitzen die es erlebt haben.
00:23:04: Wenn Menschen so eine Verunsicherung in sich tragen Wie sollen sie den Herausforderungen die wir uns gerade stellen müssen in der Zukunft?
00:23:10: Wie sollen Sie denen gewachsen sein?
00:23:12: und ich würde mir wünschen dass viel mehr darüber gesprochen wird wie wir mit den Schwachen in unserer Gesellschaft umgehen.
00:23:20: Und was aktuell passiert, ist etwas wo ich wirklich Sorge habe dass das worauf wir so stolz sein könnten in Deutschland im sozialen Staat der immer weiter abgebaut wird und dass das Menschen einfach eine ganze gesellschaft so wie ich glaube In Eine dunkle zeit führt.
00:23:43: Also nicht nur ein Film rückwärtsgerichtet, Vergangenheitsbewältigung sondern auch ein Appell an uns alle hin zu hören.
00:23:54: Denjenigen zuzuhören die das erlebt haben aber auch selber achtsam zu sein was passierte eigentlich und insofern auch wieder eine gute Botschaft deines Films und ich war eigentlich beeindruckt muss ich sagen.
00:24:09: Ich habe ein ganz schweres Thema erwartet Und es war ja auch ein schweres Thema und trotzdem geht man aus diesem Film... nicht nur belastet, sondern hat auch so einen kleinen Lichtblick und erkennt vielleicht auch eigene Handlungsmöglichkeiten.
00:24:26: Ganz ganz toll!
00:24:27: Vielen Dank, Kathrin vielen dank für deine wichtige Arbeit zu diesem wichtigen Thema und wir wünschen euch und den Kinoforstellungen ganz viele interessierte Zuschauerinnen und Zuschauer.
00:24:41: die Diskussion ist unglaublich wertvoll Und ihr werdet sicher einen Beitrag dazu leisten, dass das stärker ins Bewusstsein kommt.
00:24:49: Vielen Dank, Kathrin!
00:24:51: Danke euch!
00:24:52: Das hoffe ich natürlich auch.
00:24:53: und vielen, vielen Dank!
00:24:55: Ich bin total froh, dass ich heute hier sein dürfte und danke, dass ihr diesen Podcast macht und euch diesem Themen annimmt – es ist wirklich ganz toll!
00:25:04: Vielen Dank!
00:25:05: Tschüss!
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